Merscheider Straße 120:
Die Geschichte des Hauses von 1865 bis 2005.

Am Dienstag, dem 19. September 1865, nageln Handwerker - vermutlich Zimmerleute - die Dielenbretter im Mansardengeschoß auf die Dielenbohlen des Neubaus der späteren Poststraße 36. Offenbar wurde an diesem Tag wohl auch das Richtfest gefeiert; in alter Handwerkstradition nagelten die Zimmerleute in die Höhlräume zwischen den Balken Zeitzeugen ein: ein Exemplar der Rheinischen Tageszeitung vom gleichen Tage, eine leere Weinflasche ein kleiner, glasierter Steingutkrug, eine Hand-Petroleumlampe und eine Seite des Rheinischen Volksblatts, sowie einige Seiten aus einem kleinen Gesangsheft und ein Exemplar des "Säemanns", einer Wochenschrift zur "häuslichen Erbauung". Wir fanden diese Stücke während des Dachgeschoß-Ausbaus im September 1978.

zeitung vom 19.09.1865
Rheinische Zeitung vom 19.09.1865
zeitung vom 19.09.1865
Rheinische Zeitung vom 19.09.1865

Zur damaligen Zeit führte die heutige Merscheider Straße als gerade einmal besserer Feldweg von Ohligs nach Solingen am Haus vorbei. Hin und wieder kam einmal ein Lastfuhrwerk mit meist einem, manchmal auch zwei Pferden bespannt vorbei. Der weitere Verkehr bestand aus ein paar Fußgängern, die entweder aus einem der wenigen umliegenden Häusern oder der nahen Hofschaft Fürk vorbei kamen. Am 25.9.1867 wurde die Eisenbahnlinie Elberfeld-Köln bis Opladen eröffnet und erst rund fünf Jahre später am 1.2.1872 bis Deutz weitergeführt. Die Eisenbahnstrecke Ohligs - Solingen wurde ebenfalls 1867 fertiggestellt und in Betrieb genommen. Bis dahin bestand der gesamte Verkehr lediglich aus Pferdekarren und Packpferden, die selbst die schwersten Lasten im Lande auf dem Weg am Haus unter z.T. schwierigsten Straßenverhältnissen und widrigen Wetterdingungen vorbei transportierten. Das Bild dieser Zeit mit ihren Pferdetransporten und den Lebensumständen der einfachen Leute zeichnet hervorragend die Internetseite http://www.zeitspurensuche.de/04/index04.htm Erst nach Inbetriebnahme der ersten Eisenbahnstrecken und deren weiterem Ausbau verbesserte sich die Situation erheblich und läßt einen ersten Vergleich mit den heutigen Traunsportmöglichkeiten zu.

weinflasche von 1865
Die Richtfest-Weinflasche von 1865
Weinkrug von 1865
Getränkekrug von 1865

Dies zur Situation der Menschen zur Zeit des Einzugs ins Haus Merscheider Straße 120 in Merscheid in unmittelbarer Nähe der Hofschaft Fürk in den Jahren 1865/1866.

Der Merscheider Heimatforscher Horst Dirlam schreibt mir dazu am 24.4.1986 u.a.: "In ersten Planungsunterlagen 1836, die zur Begradigung, Verbreiterung und späteren Pflasterausbau (nach 1840/1845?)benötigt werden, ist das Gebäude noch nicht eingezeichnet. Im Liegenschaftskataster (1868) wurde das eingemessene Gebäude mit kleinem Stall und der Grundstückveränderung eingezeichnet. Im Liegenschaftsbuch 1869 steht u.a. so: Bisherige Eigentümer: ? neuer " Daniel Weck "Fürker Irlen" (Verstarb 1868) Lage des Grundbesitz': "Fürk" Das war auch für diese Zeit die richtige Angabe der Örtlichkeiten beiderseits der kaum bebauten "Merscheider Provincial-Straße". Angaben in den Bau-Akten "Weckshäuschen" sollte man für die Jahre nicht so eng sehen, da ja bekannt ist, daß Daniel Weck - später die Wittwe und der Nachfolger (Sohn) Robert Weck die Eigentümer waren. Das Gebäude hatte laut Bürgerrolle der Bürgermeisterei Merscheid (ab 1881 Stadt Ohligs) ene durchlaufende Nummer für alle Gebäude etwa bis ca. 1870. Danach erfolge eine Neu-Nummerierung nach Hofschaften, Häusergruppen, denen Einzelhäuser in der Nähe numerisch zugeordnet wurden. Ab 1884 erfolgten weitere Straßennamen; die bisherige Bezeichnung der "Merscheider Provinzial-Straße" wurde in mehreren Abschnitte aufgeteilt und erhielt erstmals Straßennamen: Teilstück Bahnhof Ohligs - Fürkerfeldstraße = Merscheider Straße " Fürkerfeldstr. - Herzogstraße = = Poststraße " Herzogstraße - Dahlerfeldstraße = Hauptstraße " Dahlerfeldstr.- Walder Grenze = Mangenberger Straße (bei Limminghofen) Die heutige Merscheider Str. 120 (das Gebäude des Rob. Weck bzw. Ww. Daniel Beck) erhielt zuerst die Nummer Poststr. 26, danach 36 (vermutlich vor dem WK I) und erhielt ca. 1934 die neue Hausnummer Merscheider Str. 120. Die Merscheider Straße wurde seitdem vom Rathaus Ohligs bis Limminghofen so bezeichnet, weil durch die 1929 erfolgte Solinger Städtevereinigung die Doppelnamen vermieden werden mußten." Soweit also der Merscheider Heimatforscher und Historiker Horst Dirlam in seinem Schreiben an mich 1984.

Das Haus selbst war selbst ausgeführt als ein größeres (dem linken, höheren Teil) und ein kleineres (dem rechten, niedrigeren Teil). Unter den beiden Teilen war ein Gewölbekeller angelegt, der parallel zur heutigen Straße ausgeführt wurde, die beiden Gebäudeteile jedoch nur teilweise zu ca. 3/8 unterkellerte und dessen Boden mit Basalt-Straßensteinen gepflastert wurde. Dieser Keller diente als Ablade- und Lagerstätte für das in der Wirtschaft ausgeschänkte Bier. Der Boden des Kellers selbst stand im Frühjahr und Herbst rund 10 cm hoch an seiner tiefsten Stelle unter Grundwasser, das nach Regenfällen anstieg. Es wurde dann jeweils mit einer an einer Wand befestigten Schwengel-Handpumpe innerhalb einer halben Stunde durch eine spezielle Rohrleitung manuell nach draußen gepumpt. Dazu hatte man im Keller nicht nur ein Sinkloch, sondern auch eine dorthin führende Fließrinne angelegt. Ich selbst habe als 14 jähriger Junge noch bis zur Fertigstellung der Kanalisation im Jahr 1966 oft das Wasser aus dem Keller gepumpt. Nach Inbetriebnahme und Anschluß des Hauses an die Kanalisation blieb der Kellerboden dann allerdings ständig trocken, die Pumpe wurde irgendwann abgebaut und ein Problem mit dem Wasser gab es aufgrund des offenbar abgesunkenen Grundwasserspiegels nie wieder. Das Haus war offenbar sofort nach seinem Bezug durch den Eigentümer 1865/1866 ein absolut wirtschaftliches Unternehmen: im gesamten Erdgeschoß der linken Haushälfte wurde eine Schankwirtschaft betrieben. Die 1887 - 1890 gebaute Kegelbahn im Anbau trug dann noch zusätzlich zum Einkommen des Eigentümers bei.

Ab 1904 befand sich in einem weiteren, kleineren Anbau das Pissoir. Vor diesem Anbau war bis in die 1960er Jahre noch eine ausgemauerte Jauchegrube. Ich selbst ließ sie noch einreißen und das Material entsorgen, als der Hof gepflastert und das Fundament des Anbaus saniert wurde. In der rechten Haushälfte wohnte im Erdgeschoß offenbar in zwei ca. 4 x 4 m großen Zimmern der Eigentümer. Aus dem Eingangsflur der rechten Haushälfte führte eine Holztreppe in den Flur des ersten Obergeschosses. Von dort erreichte man durch eine Etagentür in der linken Haushälfte einen Tanzsaal, der für Feste und Tanz am Wochenende genutzt wurde. Auf dieser Etage in der rechten Haushälfte waren ebenfalls noch einmal zwei Zimmer, die offenbar ebenfalls als Wohnung genutzt wurden. Über eine weitere geschwungene und recht steile, bergische Treppe erreichte man dann die Etage der Mansardenzimmer unter dem Dach; dort befanden sich in der rechten Haushälfte zwei geräumige Mansardenzimmer. Im linken, höheren Teil des Hauses waren nicht nur zwei geräumige Mansardenzimmer, sondern auch noch zwei recht kleine Mansardenzimmer über einen großen Speicherboden erreichbar. Vermutlich wurden die größeren Zimmer dort oben von jeweils zwei Personen bewohnt, während in den beiden sehr kleinen Zimmern wahrscheinlich nur einzelne, alleinstehende, junge Männer wohnten - vielleicht wie zur damaligen Zeit üblich - als "Kostgänger" der Familie des Hausherrn. Die Beleuchtung bestand zu dieser Zeit aus Petroleum-Handlampen bzw. aus Petroleum-Wandlampen in den Räumen der Gastwirtschaft und dem Tanzsaal. Erst nach 1872 dürfte das Gaslicht eingeführt worden sein, nachdem offenbar die vorbeiführende Straße mit einer Gaslaterne vor dem Haus beleuchtet wurde. Ein Fragment der alten Gasleitung für die Beleuchtung des Tanzsaals fanden wir während eines Umbaus im Dezember 1975. Offenbar befanden sich im Haus selbst keine Toiletten, geschweige denn ein WC; an ein Badezimmer dachte man damals noch nicht einmal. Evtl. befand sich über einer noch mir bekannten Sickergrube im Garten irgendwann ab dem Bau des Hauses ein damals übliches, hölzernes Toilettenhäuschen mit dem bekannten Herzchen in der Tür.